Thema: NEPAL
Demokratie in Nepal - Funktioniert das überhaupt?
Von Oktober bis April ist die beste Zeit für eine Reise nach Nepal. Der Monsun hat aufgehört, es ist meist trocken und die Sonne steht am blauen Himmel über dem Himalaya. Die Temperaturen sind gemäßigt, wenn man nicht gerade eine Gipfeltour auf das „Dach der Welt” unternimmt. Pokhara, die größte Stadt nach Kathmandu, liegt etwa 1.000 m über dem Meerespiegel und dort gibt es den ganzen Winter keinen Frost. Die Stadt ist malerisch am Ufer des Phewasees in einem Tal mit üppiger Vegetation gelegen. Auf dem See fahren kleine Boote und am Himmel schweben Paraglider. Nicht weit entfernt sieht man das gigantische Panorama der schneebedeckten Himalayariesen. In wenigen Tagen Fußmarsch kann man sie erreichen. Aber wie ist es um die politische Situation in diesem idyllischen Land bestellt? Sind die Touristen sicher oder droht ein weiterer Bürgerkrieg? Neema Dalmühle befragte Tanka Lamsal, genannt „Raju”, der aus der Gegend von Pokhara stammt.
draußen!: „Namaste Raju, wir möchten gern im Winter in Nepal Urlaub machen. Nach dem jahrelangen Bürgerkrieg haben die Maoisten den König mit Waffengewalt abgesetzt und den Bürgern ein neues Nepal mit Straßen, Krankenhäusern und Schulen und gleichen Rechten für alle versprochen. Privilegien und Kasten sollten abgeschafft werden. Auch den Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle des Landes, sollten Reiseerleichterungen und vor allem mehr Sicherheit attraktiver machen. Kannst du dich unseren Lesern kurz vorstellen und uns deine Einschätzung der Lage mitteilen?”
Raju: „Namaste! Mein Name ist Raju, ich bin 32 Jahre alt und stamme aus der Gegend von Pokhara, das etwa in der Mitte von Nepal liegt. Ich hatte während des Bürgerkriegs große Probleme und bin deshalb im Juli 2001, also vor gut acht Jahren, nach Deutschland gekommen. Ich fühle mich hier sehr wohl und sicher. Münster ist mir zu einer zweiten Heimat geworden. Ich bin während der ganzen Zeit nie wieder in Nepal gewesen, aber ich stehe in engem Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden dort. Deshalb kann ich eure Frage zu der aktuellen Lage beantworten.
draußen!: Was hat sich in Nepal verändert, seitdem der König abgedankt hat?
Raju: Nach dem Bürgerkrieg und der Revolution durch die Maoisten hat sich in Nepal praktisch nicht viel geändert. Der König hat abgedankt und die Maoisten fühlen sich als Sieger. Unter Beobachtung der UN sollten 2007 neue Wahlen abgehalten werden. Diese waren besonders in den abgelegenen Bergregionen schwierig zu organisieren. Niemand weiß, ob alles korrekt abgelaufen ist, besonders weil die Maoisten seit vielen Jahren die Dörfer kontrollieren und die Bevölkerung, die zum größten Teil aus Analphabeten besteht, häufig unter Druck setzt. Die Wahlen fanden am 10. April 2008 endlich statt, nachdem sie im Verlauf des Jahres 2007 zweimal hatten verschoben werden müssen. Das nepalesische Volk hat lange auf diesen Tag warten müssen. Mit den Wahlen war der bedeutendste Schritt zu Frieden und einem einheitlichen Staatsgebilde getan, in dem sich alle Bevölkerungsgruppen des Landes beteiligt fühlen sollten. Jedenfalls haben die Maoisten (CPN = Communist Party of Nepal) bei der Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung die meisten Stimmen bekommen. Insgesamt konnte die CPN (Maoist) 220 Abgeordnete in die verfassungsgebende Versammlung entsenden, was 36,6% aller Sitze entspricht. Nepali Congress (110) und CPN (Unified Marxist Leninist) (103) stellen zusammen weniger Abgeordnete als die CPN (Maoist). Wenn also die Wähler jemanden für die verfehlte Politik nach 1990 abstrafen wollten, dann betraf das in erster Linie jene Politiker und Parteien, die die politische Verantwortung in dieser Zeit innehatten. Hier ist ganz besonders der Nepali Congress zu nennen, der die meiste Zeit nach 1990 in der Regierungsverantwortung gewesen war, entweder als Alleinregierung oder als größte Partei von Koalitionsregierungen. Auch die CPN (UML) hat sich nach 1990 nicht viele Verdienste erworben. Ihre Politik der Generalstreiks (Banda) wurde schon bald zu einem übermäßig genutzten Werkzeug. Derartige Streiks haben die Wirtschaft und das Alltagsleben der Menschen über viele Jahre hinweg lahm gelegt und große Schwierigkeiten verursacht. Davon waren auch häufig die Touristen betroffen.
draußen!: Also gibt es neben der großen, alten Partei „Nepali Congress” vor allem kommunistische Parteien?”
Raju: Es gibt noch ein paar kleinere Parteien, die aber kaum Gewicht haben. Im letzten Jahr hat eine Gruppe allerdings von sich reden gemacht: das Mahdesi Peoples Right Forum, kurz MPRF. Dahinter steht die indischstämmige Bevölkerung, die überwiegend im Terrai entlang der indischen Grenze angesiedelt ist. Da sie sich bei den Wahlen und der Regierungsbildung benachteiligt fühlten, verübten sie Gewalttaten und blockierten den Handel von und nach Indien. Es gab wochenlang kein Benzin für die Autos und wichtige Güter für die Industrie fehlten in Nepal. Die Maoisten wollten sie mit Hilfe der Armee beruhigen, aber jetzt versucht man sie in die Regierungsentscheidungen mit einzubeziehen. Dennoch: Ein zunehmender Linkstrend ist bei allen Wahlen seit 1991 deutlich geworden. Dieser Trend scheint sich bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung noch verstärkt zu haben. In den 1990er Jahren hat die CPN (UML) noch am meisten von diesem Trend profitiert. Bei den Parlamentswahlen von 1999 wäre sie sowohl nach Stimmen als auch nach Sitzen stärkste Partei geworden, wäre es nicht im Vorfeld der Wahlen zu einer Spaltung gekommen. Die verfassungsgebende Versammlung wird in geradezu überwältigender Form von linken Parteien dominiert.
draußen!: Vor etwa einem Jahr hatten wir die Gelegenheit, exklusiv ein Fernseh-Interview mit Hisila Yami alias Comrade Parvati zu führen. Sie hat in Indien und England Architektur studiert, wo sie auch ihren heutigen Ehemann Baburam Bhattarai, den ideologischen Kopf der CPN-M, kennen lernte. Sie erzählte von ihrem 11-jährigen Kampf im Untergrund und ihrer jetzigen Stellung als Ministerin für Tourismus in der Übergangsregierung. Sie sagte damals: „Ich erlasse Dekrete und Anweisungen und wenn die nicht umgesetzt werden, trete ich zurück, genau wie meine Kollegen. Damit ist die Regierung handlungsunfähig.” Wie demokratisch regieren denn die Maoisten jetzt in Nepal?
Raju: Von allen führenden Parteien in der Versammlung ist der Nepali Congress (NC) die konservativste. Sie ist in Regierungsgeschäften erfahren. Sie werden aber von den Maoisten in der demokratischen Arbeit behindert. In der Übergangszeit führte Koirala als Premierminister die Regierungsgeschäfte weiter, seit dem 15. August 2009 ist der Maoistenführer Prachanda neuer Premierminister. Die Maoisten nennen sich zwar demokratisch, verhalten sich aber nicht so. Als größte Partei wollen sie allein entscheiden. So hatten sie etwa beschlossen das größte Hinduheiligtum Nepals, Pashupatinath in Kathmandu, unter staatliche Kontrolle zu stellen und alle Priester aus Indien auszuweisen. Indien hat natürlich protestiert und darauf verwiesen, dass es sich um eine internationale religiöse Einrichtung handelt. Genauso eigenmächtig wurde der Armeechef von Prachandha in Rente geschickt und durch einen eigenen Mann ersetzt. Die anderen Parteien wurden dazu nicht befragt. Außerdem sollten alle maoistischen Kämpfer in die nepalesische Armee integriert werden. Die Nepali Congress-Partei wollte sie aber nicht integrieren, da die Armee für ein Land wie Nepal sowieso schon zu groß sei. Der König habe soviel wie möglich Soldaten rekrutiert, da er sich gegen die Maoisten verteidigen musste. Jetzt, nach Ende des Bürgerkriegs, würde die Hälfte der Armee ausreichen. Die maoistischen Kämpfer sollten nicht in die Armee, sondern in die Gesellschaft integriert werden. Viele von ihnen hatten 15 Jahre nichts anderes getan, als außerhalb der Legitimität zu agieren und von Raub, Mord und Entführungen zu leben. Als die UN die Kämpfer entwaffnen und versorgen wollte, meldeten sich ca. 30.000 Mann statt der wirklichen 7.000 Kämpfer. Später tauchte ein Video auf, in dem Prachanda alle seine Leute aufforderte, sich zu melden, egal ob sie Kämpfer gewesen waren oder nicht. „Das ist Propaganda und vermittelt einen besseren Eindruck über unsere Stärke”, sagte er. Der Regierungspräsident Ram Baran Yadhav setzte den maoistischen Armeechef wieder ab und bestimmte einen neuen. Prachanda verlangte dafür eine Entschuldigung und die Rücknahme seiner Entscheidung.Ansonsten träte er zurück und die Regierung wäre wieder handlungsunfähig. So boykottieren die Maoisten jede Art der Regierungsarbeit und die Ausarbeitung einer Verfassung. Sie nennen sich demokratisch, sind es aber in Wirklichkeit nicht. Das kann man etwa vergleichen mit der DDR, die sich ja auch „demokratisch” nannte. Die demokratischen Parteien können nicht arbeiten, niemand weiß im Moment, wohin es geht. Der NC muss jetzt die Regierungsarbeit leisten, die Maoisten drohen mit Gewalt, Mord und Totschlag. Obwohl die maoistischen Kämpfer offiziell von der UN entwaffnet sind, drohen sie mit einem neuen Bürgerkrieg.
draußen!: Also die Maoisten wollen angeblich eine demokratische Verfassung, boy- kottieren aber alle Initiativen. Die Ver-fassung müsste in ca. 2 Jahren ausgearbeitet sein, aber bisher haben die meisten Gremien noch keine Papiere vorgelegt. Was passiert, wenn der Termin nicht eingehalten werden kann?
Raju: Die 601 Abgeordneten müssen jetzt die neue Verfassung und neue Wahlen vorbereiten. Schaffen sie es nicht, die Frist einzuhalten, dann läuft die Zeit der Übergangsverfassung ab. Sie wird ungültig. Die Maoisten könnten eine neue Revolte beginnen und Kathmandu übernehmen. In Ausnahmesituationen kann der Präsident Entscheidungen treffen. Der Präsident und die 601 Abgeordneten müssen nach neuen Lösungen suchen. Aber zur Zeit weiß niemand, was passieren wird.
draußen!: Und was bedeutet das für die ausländischen Touristen? Empfehlen Sie Nepal zu besuchen oder besser nicht?
Raju: Auf die Touristen wird das alles kaum Einfluss haben. Touristen sind die heilige Kuh Nepals, auch für die Maoisten. Der Tourismus ist die wichtigste Einnahmequelle für Nepal. Nepal hat für Touristen aber auch viel zu bieten. Die Natur ist unvergleichlich vielfältig, außer einer Küste mit Sandstrand hat Nepal eigentlich alles. Im Terrai herrscht heißes indisches Klima, auf der anderen Seite hat Nepal die höchsten Gebirge der Welt. Auf Elefanten reitend können Sie Nashörner beobachten oder mit Sherpas den Mount Everest besteigen. Sie können Buddhas Geburtsstätte in Lumbini besuchen oder auf einer Trekkingtour bei den freundlichen Bauern in den Bergen Urlaub machen. Rafting, Golfen, Segeln oder Paragliding, Reiten, Angeln und natürlich Einkaufen: in Nepal gibt es alles und alles ist preiswert. Von Oktober bis April ist der Himmel blau und die Temperaturen sehr angenehm. Von der Politik werden die Touristen nicht negativ beeinflusst. Im Gegenteil. Gastfreundschaft und Freundlichkeit haben in Nepal eine lange Tradition.
draußen!: Raju, wir bedanken uns für das interessante Interview über ein Land, das in den Medien leider ganz vernachlässigt wird. Wir hoffen im Winter die Gelegenheit zu haben, uns selbst von der unüberschaubaren Politik und den natürlichen Schönheiten deines Landes überzeugen zu können. Namaste!
Thema: NEPAL
Gyanendra und die Maoisten
Blauer Himmel - grüner Dschungel. Rot und pink blühender Rhododendron, zarte Orchideen auf bemoosten Stämmen, der Duft von Seidelbast in der klaren Bergluft. Vögel zwitschern und Wasserfälle rauschen. Umgeben von 7000 bis 8000 Meter hohen Schneegipfeln. Das ist der Traum aller Trekkingfreunde in den Bergen Nepals. Wenn aber plötzlich zwei Gestalten mit Pistolen bewaffnet auftauchen, ist es vorbei mit der Idylle – die „Maoistische Volksbefreiungsarmee Nepals“ fordert Wegezoll. Hannah Hohenhorst aus Münster berichtet, wie sie beim Wandern in der Annapurna-Region das erste Mal auf die Guerillas getroffen ist.
Meine Nepalreise war perfekt geplant: Flug nach Kathmandu und von Kathmandu nach Pokhara. Dort eine Trekking-Erlaubnis kaufen und mit einem tibetischen Führer durch Annapurna-Region von Hütte zu Hütte wandern. Zu den heißen Quellen bei Tatopani, dann über Ghorepani zum Sonnenaufgang auf den Poon Hill und von Kalapani zurück nach Pokhara. Erst lief auch alles wie geplant. Herrlich, morgens in den heißen Schwefelquellen liegen und gleich daneben stürzen sich die eiskalten Fluten des Kali Gandaki durch die steilste Schlucht der Welt. Tatopani liegt auf 1189 Meter. In den Gärten wachsen Bananen und Orangenbäume.
Zwei Tage später geht es hoch auf 2855 Meter. Nun beginnt bei Ghorepani der Rhododendron-Dschungel - und das Gebiet der Maoisten. Plötzlich treten zwei Männer zwischen den Bäumen hervor: „Wir sind von der Maoistischen Volksbefreiungsarmee“, sagen sie auf Nepalesisch. „Wir verlangen von Touristen 15 Dollar.“ Ich protestiere. Immerhin habe ich schon in Pokhara 2000 Rupies, also umgerechnet 30 Dollar für die Trekking-Erlaubnis bezahlt. Das Permit musste ich mehrmals bei den Checkposten der Polizei und der Armee vorzeigen. „Dann hast du an die falsche Regierung gezahlt“, sagt einer der Beiden. „Der König und seine Armee sind Gangster. Die einzig rechtmäßige Regierung in Nepal sind die Maoisten.“ Norchö, mein nepalesischer Führer, meint, es sei besser die 15 Dollar rauszurücken. Er hat sichtbar Respekt vor den beiden Guerillas.
Wenn ich aber schon bezahlen muss, will ich wenigstens wissen wofür. Ich bitte die beiden Maoisten, mir etwas über die Ziele der Bewegung zu erzählen und wie sie die politische Situation in Nepal sehen, am besten direkt in meine Videokamera. Hintergrund: In Nepal ist gerade der Teufel los. Die Opposition verlangt von König Gyanendra abzudanken. Der ziert sich und in der Hauptstadt brennen die Barrikaden, die Maoisten kontrollieren bereits weite Teile des Landes. Nun steht einer von ihnen vor meiner Kamera und gibt eine Erklärung ab: „Die Regierung behauptet, wir seien Terroristen! Aber das sind wir nicht, wir sind normale Menschen mit Familien. Wir müssen uns wehren. Die Maoisten sind gekommen, um dem nepalesischen Volk gegen den autokratischen König zu helfen.“ Die Maoisten fordern die Demokratie einzuführen. „Von 22 Millionen Nepalesen sind fast 20 Millionen gegen den König, der mit Hilfe der Armee und Polizei brutal regiert und das Volk unterdrückt“, fährt der Guerillero fort, der offenbar der Sprecher des kleinen Stoßtrupps ist.
Am Ende zahle ich die 15 Dollar, dafür bekomme ich eine magentafarbene Quittung mit den Konterfeis von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tse Tung. Nun darf ich mich in dem Gebiet, das die Maoisten besetzt haben, frei bewegen. Abends sitzen wir mit den Freischärlern noch zusammen in einer Berghütte. „Was macht ihr eigentlich mit dem Wegezoll?“, frage ich. Mein tibetischer Führer übersetzt. „Wir bauen Straßen, Schulen und Krankenhäuser.“ Und warum laufen sie bewaffnet durch die Gegend? „Die Armee schießt sofort auf jeden „Mao“. Dann schießen wir zurück – wie du mir, so ich dir.“ Was er denn so an kommunistischer Literatur gelesen habe, will ich wissen. Marx, Lenin, Stalin und die Mao-Bibel. Irgendwie erinnert das Ganze fatal an die Kulturrevolution in China, der unzählige Menschen zum Opfer gefallen sind. Alleine in Tibet angeblich eine Million.
Als wir am nächsten Morgen weiterwandern, frage ich Norchö, meinen Bergführer und auch andere Nepalesen, was sie von der Monarchie halten. „Der König ist nicht gut für Nepal, aber die Maoisten auch nicht.“ Der neue König Gyanendra soll bei der Machtübernahme die gesamte Königsfamilie einschließlich seinem Bruder, dem König, umgebracht haben. Tot ist die Verwandtschaft, da gibt es keinen Zweifel, aber der König streitet ab, es selbst gewesen zu sein. Auch unter dem Volk hat Gyanendra ein Massaker angerichtet, 10.000 Nepalesen sollen dabei brutal ermordet worden sein. Das Regime ließ Leute exekutieren, Politiker und Menschenrechtler sind spurlos verschwunden. „Die Armee überfällt Dörfer, in denen sie Maoisten vermuten. Ganze Orte sind dem Erdboden gleichgemacht“, berichtet Norchö. „Sie morden, vergewaltigen und misshandeln.“
Die Maoisten rächen sich und greifen Armee- und Polizeiposten an. Wer ihnen nicht entkommt, wird umgebracht. Verhaftet der König Regimekritiker, entführen die Maoisten Königstreue und legen Bomben. Die Guerillas sollen Kinder aus Schulen entführen und in ihren Lagern zu Kommunisten drillen, um sie dann in den Kampf zu schicken. Ganze Dörfer haben sie angeblich zu Hilfsarbeiten gezwungen. Geld abgepresst. Sie haben Drohbriefe an Reiche geschickt und sie um Spenden „gebeten“. Das hört sich nicht nach Robin Hood an, sondern nach Genosse Gonzales und seinem Leuchtenden Pfad in Peru.
Interview zum Thema: NEPAL
Nepals Maoisten: „Der König ist innen hohl“

Die Münsteranerin Anna Weda war vor Kurzem in den Bergen Nepals unterwegs. Als Touristin. Doch was als Urlaub geplant war, wurde eine spannende, politische Bildungsreise. Kurz vor Beni, einer Hochburg der Volksbefreiungsarmee, hatte sie eine zweite Begegnung mit den „Genossen“. Diesmal bat sie einen hohen „Maobaadi“, wie sich die roten Guerilleros nennen, um ein Exklusiv-Interview für ~. Mit Pistolen bewaffnet stellte er sich vor die Kamera. Ein Nepalese übersetzte die auf Englisch gestellten Fragen und die nepalesischen Antworten.
draußen!: Seit wann gibt es die maoistische Bewegung in Nepal?
Maobaadi: Eine kommunistische Bewegung gibt es schon seit 1949, nach vielen Umstrukturierungen bildete sich 1995 die heutige Maoistische Volksbefreiungsarmee.
draußen!: Wie beurteilen Sie die politische und gesellschaftliche Situation in Nepal?
Maobaadi: 95 Prozent der Bevölkerung in Nepal sind arm, haben so gut wie keine Schulausbildung und bleiben daher unterprivilegiert. Fünf Prozent sind reich, sie regieren das Land und kassieren. Aber die 95 Prozent sind das Volk von Nepal! Sie haben kaum Rechte und leben in Armut.
draußen!: Was wollen die Maoisten erreichen?
Maobaadi: Wir brauchen eine Demokratie in Nepal, aber der König will sie uns nicht geben. Deshalb und weil die Armee brutal gegen das Volk kämpft, haben wir den bewaffneten Kampf gegen die Regierung aufgenommen. Wir wollten keinen Krieg, der König hat angefangen, Krieg gegen das Volk zu führen. Das war vor zehn Jahren. Wir kämpfen so lange bis der König verschwindet. In anderen Ländern hat es 30 Jahre gedauert bis die Kommunisten gesiegt haben.
draußen!: Was werfen Sie König Gyanendra vor?
Maobaadi: Der König erscheint nach außen immer gut, intelligent und wohlwollend. In Wirklichkeit ist er innen hohl! Das Staatsbudget gibt er für die Armee aus, die uns Maoisten umbringt, sogar wenn wir unbewaffnet sind und uns ergeben. Wenn wir aber Soldaten des Königs gefangen nehmen, halten wir sie drei, vier Wochen fest, reden mit ihnen und schicken sie dann nach Hause.
draußen!: Mal angenommen, die Maoisten kommen an die Macht - was tun sie dann für das nepalesische Volk?
Maobaadi: Wir setzen den König ab und erlassen eine demokratische Verfassung. Wir sind nicht nur arme und ungebildete Leute, wie oft unterstellt wird. Viele von uns sind technisch gut ausgebildet und können mit Computern und dem Internet umgehen oder mit Gewehren.
draußen!: Sie verlangen von Touristen Wegezoll. Was machen Sie mit dem Geld?
Maobaadi: Die Maoisten sind in sechs Gruppen über das Land verteilt. Jede Gruppe muss sich selbst versorgen. Das Geld der Touristen brauchen wir für Medikamente, Essen und so weiter, da wir im Dschungel leben und dort Verstecke anlegen müssen.
draußen!: Warum sind Sie bei den Maoisten?
Maobaadi: Ich habe Frau und Kinder. Aber eine Familie kann sich nicht gegen den Terror der Armee wehren. Weil die Maoisten für das ganze Volk kämpfen, habe ich meine Familie verlassen und mich den Maoisten angeschlossen. Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Für mich ist nur es wichtig, dass es dem ganzen Land gut geht.
draußen!: Bekommen Sie Unterstützung aus dem Ausland?
Maobaadi: Nein. Auch nicht von Indien oder China. Unsere kommunistischen Theorien haben wir von Mao Tse Tung und unsere Gewehre von der Armee und der Polizei erbeutet. Der größte Teil unserer Ausrüstung ist nepalesisches Armeematerial. Oder wir bauen selbst Waffen. Aus dem Ausland bekommen wir nichts.
Weitere Infos zum Thema: www.nepal-dia.de/Aktuelle_Lage_/maoisten/maoisten.html
Thema: NEPAL
Münsteraner Nepalesen: Endlich Demokratie
Ende April an der Dominikanerkirche: Bunte Wimpel und die Flagge Nepals hängen über der Salzstraße, Frauen verteilen Blumen. Rund zwanzig Nepalesen der Europäischen Himalaja-Vereinigung machen auf die politische Situation in Nepal aufmerksam, die sich in den letzten Monaten dramatisch verschlechtert hat. Der Münsteraner Flüchtlingshilfeverein GGUA, der Ausländerbeirat und die Gesellschaft für bedrohte Völker unterstützten die Aktion in der Salzstraße. Heinz Dalmühle über den Bürgerkrieg in Nepal.
Während die Nepalesen in der Salzstraße ihren Infotisch aufbauen, brennen in der Hauptstadt Kathmandu die Autoreifen, Demonstranten bauen Barrikaden, die Armee schießt mit Tränengas und Gummigeschossen, manchmal auch mit scharfer Munition. Die Maoisten schießen zurück. Das Land im Himalaya ist im Ausnahmezustand. Seit drei Wochen gehen die Menschen nicht mehr zur Arbeit. Generalstreik. Die Opposition, ein Bündnis aller politischen Parteien, fordert freie Wahlen und Demokratie. König Gyanendra verhängt eine Ausgangssperre. Schließlich beugt er sich dem inneren und internationalen Druck, tritt zurück und lässt eine erste Parlamentssitzung zu. „Aber die Probleme in Nepal sind damit noch nicht gelöst“, warnt der Vorsitzende der Himalaja-Vereinigung, Mankaji Nepali.

Mitte 2001 putschte sich König Gyanendra mit Hilfe des Militärs an die Macht, seine Familie ließ er umbringen. Manche sagen, Gyanendra habe dabei selbst Hand angelegt. Vor etwas mehr als einem Jahr entließ der Despot die gewählte Regierung. Seitdem herrschte er mit blutiger Unterdrückung. Nachdem auch die Einberufung des Parlaments und eines neuen Regierungschefs keine Ruhe ins Land brachte, hat der König jetzt abgedankt.
Der Weg zu wirklicher Demokratie in Nepal ist damit aber längst noch nicht offen. Seit zehn Jahren herrscht ein Bürgerkrieg, der bereits 13.000 Tote gekostet hat. Fast drei Viertel des Landes kontrollieren maoistische Rebellen. Die Ursache für die Gewalt liegt in der Ungerechtigkeit des hinduistischen Kastensystems. Der Großteil der Bevölkerung gehört zur Kaste der Unberührbaren, die keine Rechte haben und auch kein Land besitzen dürfen. Nepal ist zudem ein Vielvölkerstaat, in dem 62 Ethnien leben. 60 Prozent der Bevölkerung ist eingewandert, vor allem aus Indien und Tibet, der Rest wohnt schon seit Menschengedenken dort. Macht und Geld befinden sich in der Hand der hinduistischen Bahun und Chhetris, ungefähr ein Drittel der Bevölkerung. Der Rest der Nepalesen hat so gut wie keine Bildung und keinen Einfluss und wird gesellschaftlich, religiös und politisch ausgegrenzt. Nun fordern sie das Ende der Macht der herrschenden Kaste und der Diskriminierung der Kastenlosen. Staat und Religion sollen klar getrennt werden, Posten in der Verwaltung allen offen stehen, wenn nötig auch durch eine Quote, die vorübergehend die Unterrepräsentierten bevorzugt. Der Staat muss die wirtschaftliche Lage in den Gebieten, in denen Minderheiten leben, durch höhere Zuschüsse verbessern. Die Ureinwohner müssen ihre kulturelle, soziale und ökonomische Entwicklung selbst bestimmen dürfen.
Der Rücktritt des Königs ist allenfalls ein erster Schritt. Vor allen Dingen braucht das Land nun Frieden, damit die Entwicklungshilfe auch die ländlichen Gebiete erreicht. Außerdem braucht Nepal eine stabile, frei ge- wählte Regierung. Allerdings: Freie Wahlen und ein Mehrparteiensystem ändern noch nicht die wirtschaftliche Lage der Mehrheit der Bevölkerung, die in Armut lebt. Ein weiteres, drückendes Problem ist die Situation der Frauen. Findet die neue Regierung hier keine Lösung, wird die starke Maoistische Volksbefreiungsarmee mehr Zulauf bekommen. Die Guerillas haben am 1. Mai eine vorläufige Waffenruhe von drei Monaten ausgerufen. Am 18. Mai hat die neue Mehrparteien-Regierung eine vorläufige Verfassung verabschiedet, die im Wesentlichen alle Forderungen der Opposition erfüllt. Welche Funktion in Zukunft der entmachtete König hat ist unklar, zumindest verliert er einen großen Teil seiner Privilegien und muss nun sogar Steuern bezahlen. Und wie viel er ausgeben darf, entscheidet ab sofort das Parlament. Und den Thronerben bestimmt das Volk.
Spenden für Bürgerkriegsopfer können überwiesen werden auf das Konto 2110225027 bei der Bank für Kirche und Diakonie, BLZ 35060190
Thema: TIBET
Militante Buddhisten? Die Geschichte des tibetischen Widerstandes
In der Märzausgabe der draußen! hatten wir über die bisher vergeblichen Versuche des Dalai Lama berichtet, durch Verhandlungen zusammen mit der chinesischen Regierung eine friedliche Lösung für eine echte Autonomie Tibets innerhalb des chinesischen Staatsverbandes zu finden. Neben der Autonomiepolitik des Dalai Lama und der tibetischen (Exil-)Regierung gibt es aber seit 60 Jahren eine tibetische Unabhängigkeitsbewegung und einen aktiven Widerstand gegen die chinesische Besetzung mit dem Ziel, ein unabhängiges, freies Tibet wiederherzustellen. Neema und Heinz Dalmühle berichten über Chushi Gangdrug, die „Vier Flüsse und fünf Gebirge“.
Als die kommunistischen Truppen Mao Tse Tungs 1949, also vor 60 Jahren, in Osttibet einfielen, war die Regierung in Lhasa überhaupt nicht darauf vorbereitet. Am 10. September 1949 verkündete Radio Beijing, dass die Volksbefreiungsarmee Kham eingenommen habe. Einzelne kleine Gruppen von Khampas wehrten sich im Osten mit dem Mut der Verzweiflung, wenn sie zusehen mussten, wie ihre Familien getötet und ihre Mönche misshandelt wurden. Aber sie waren nicht organisiert, rivalisierten untereinander und verachteten meist die Feigheit der übrigen Tibeter und die handlungsunfähige Regierung.
Gyalo Thondup, der älteste Bruder des Dalai Lama, hatte in Beijing studiert und kannte die chinesische Mentalität. Er war einer der wenigen Tibeter, die die chinesische Sprache sprechen konnte und wurde deshalb zum Unterhändler der tibetischen Regierung. Der zweite Bruder des Dalai Lama, Thubten Jigme Norbu, war Mönch und Abt im großen Kloster von Kumbum, im Nordosten von Tibet nahe der chinesischen Grenze. Als die Chinesen das Kloster besetzt hatten, beauftragten sie ihn, nach Lhasa zu reisen und den Dalai Lama zu überreden, die Regierungsgewalt über Tibet an die Chinesen zu übergeben. Falls der das ablehne, sollte er ihn ermorden. Dafür versprachen sie ihm eine gute Stellung in der neuen Provinzregierung von Tibet. Thubten Jigme Norbu reiste nach Lhasa und erzählte seinem Bruder von dem chinesischen Ansinnen. Diese beiden Brüder waren stets gegen eine Autonomie innerhalb Chinas. Sie wollten im Gegensatz zum Dalai Lama ein freies Tibet. Als am 23.03.1951 tibetische Regierungsbeamte unter Druck in Beijing das „17-Punkte-Abkommen“ unterzeichneten, nahmen sie erste Kontakte zu Taiwan und zur CIA auf, die sich aber noch im Koreakrieg engagierte.

In Osttibet wurden die Klöster in Schutt und Asche gebombt und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Als Tschamdo, die Hauptstadt Osttibets fiel, flohen viele tibetische Familien nach Burma, Bhutan, Sikkim und Indien, tausende von Khampas zogen nach Zentraltibet und siedelten sich rund um Lhasa an. Die wilden Khampa waren bei den Zentraltibetern nicht so beliebt. Die Nahrungsmittel wurden knapp und es kam vor, dass die Khampa sich bei tibetischen Familien gratis bedienten und bei der Gelegenheit auch noch die Frauen missbrauchten, wie uns Augenzeugen berichteten.
1954 versuchten die Chinesen alle Waffen zu konfiszieren. Das kam aber für die stolzen Khampa überhaupt nicht in Frage. „Ein Mann ohne Messer ist kein Mann und auf so einen Freund kann man sich ja nicht verlassen!“, sagte ein Khampa zu mir, als wir 1986 zusammen ins nächste Dorf reisen wollten. Und unter Messer versteht ein Khampa eine Waffe, nicht unter 30 cm Länge, die wir wohl eher als Schwert bezeichnen würden. Mein Taschenmesser galt da nur als Instrument zum Reinigen der Fingernägel für Frauen.
Im Dezember 1955 begann die CIA, geheime Strategien zur Unterwanderung des internationalen Kommunismus zu entwickeln, und so wurden unter dem Decknamen „ST CIRCUS“ Geheimoperationen in Tibet geplant. Es kam aber zu keinem direkten Kontakt mit der tibetischen Regierung. Diese verhandelte mit den chinesischen Generälen in Lhasa, aber hatte keine Macht mehr. Die Khampa gründeten die Mimang Tsongdu, die Volksversammlung, und versuchten, die tibetische Regierung zu stärken. 1955-1956 entmachteten die Chinesen alle tibetischen Würdenträger und zwangen das Kabinett, die Anführer der Mimang Tsongdu, Alo Chonzed, Bumthang und Lhabchung zu verhaften. Lhabchung verstarb im Gefängnis. Aus Angst vor der Rache der Khampa wurden die anderen beiden im August 1956 entlassen. Jetzt beschlossen die Khampa sich selbst zu organisieren. Sie kamen überein, ein Ritual für das lange Leben des Dalai Lama durchzuführen und ihm einen goldenen Thron darzubieten. Gompo Tashi Andrugtsang, das Oberhaupt eines großen Clans, reiste mit einer Gruppe durch das ganze Land, um für diese Zeremonie Spenden zu sammeln. 120 Kilo Gold und Edelsteine kamen zusammen. Die Übergabe des goldenen Throns an den Dalai Lama am 4. Juli 1957 im Norbulingka war eine Bestätigung des Glaubens aller Tibeter an ihn, wie auch eine kollektive Ablehnung des chinesischen Machtanspruchs. Der Dalai Lama erteilte einen Kalachakra- Segen, der im Zusammenhang mit dem mystischen König von Schambala steht, der in einem letzten Gefecht die Feinde des Glaubens besiegt.
Am 20. 04. 1957 trafen sich 60 Khampa- Führer in Andrugtsangs Haus in Lhasa und besprachen die Situation. Man beschloss, Richtung Süden in die Region Lhoka zu gehen. Dort gab es einen relativ guten Anschluss an die Transportrouten, um ihre Versorgung aufrechtzuerhalten, und leichtere Fluchtmöglichkeiten Richtung Indien. Die einzelnen Truppen der verschiedenen Distrikte, die bislang unter dem Namen „Freiwilligenarmee zum Schutz des Buddhismus“ gegen die Kommunisten kämpften, schlossen sich am 24. Juni 1957 zu einer Armee zusammen. Fortan nannten sie sich „Chushi Gangdrug“, „Vier Flüsse, Sechs Bergketten“, eine Referenz an ihre Heimat Kham, dessen geografische Grenzen durch vier Flüsse und sechs Bergketten geformt werden. Die Gründungszeremonie wurde mit einer Truppenparade und einer Prozession mit dem Bild des Dalai Lama gefeiert. Außerdem präsentierte man die neue Flagge, unter der sich die Organisation vereinte. Auf gelbem Untergrund, der symbolisch für den Buddhismus steht, kreuzen sich zwei Schwerter, die für Weisheit und Furchtlosigkeit stehen.
Das Hauptquartier wurde in Driguthang errichtet, wo sich ca. 5.000 Soldaten aufhielten. Sie organisierten sich in verschiedenen Regimentern mit Gompo Tashi Andrugtsang aus Lithang an ihrer Spitze. Es wurden verschiedene Kommandeure, Verbindungsoffiziere und Gruppenanführer benannt, sowie ein Verhaltenscodex aufgestellt, unter anderem mit einem Verbot von Diebstahl, Vergewaltigung, Hausfriedensbruch oder Verletzung unschuldiger Personen, der aber auch Aufgaben wie Schutz der Bevölkerung vor Räubern und Besoldungsrichtlinien für erfolgreiche Einsätze beinhaltete. Die neu gegründete Armee war äußerst schlecht ausgerüstet. Jeder Soldat musste sich um seine eigene Bewaffnung und Verpflegung selbst kümmern und so blieben viele unbewaffnet oder nur spärlich mit Munition bestückt. Die Aktivitäten der „Chushi Gangdrug“ weckten Interesse und Begeisterung bei den Emigranten in Kalimpong, wie auch bei einigen Vertretern der Guomindang, die in Indien ankommende Khampa- Flüchtlinge rekrutierten und zur militärischen Ausbildung nach Taiwan schikkten. Tschiang Kai-schek ließ zunächst sechs Khampakrieger auf die Südseeinsel Saipan bringen und von den befreundeten amerikanischen Militärs ausbilden. Sie bekamen Englischunterricht und wurden im Kartenlesen, Funken und in der Organisierung von Guerillatruppen unterwiesen.
Die beiden älteren Brüder des Dalai Lama überzeugten gleichzeitig die CIA davon, die tibetische Guerilla mit Waffen und Munition zu unterstützen. Ein B-17-Bomber ohne Hoheitszeichen flog getarnt über Indien nach Tibet und warf die ersten sechs ausgebildeten Khampa nahe bei Samye, dem ältesten tibetischen Kloster, ab. Sie spionierten die chinesische Armee aus und funkten alle Informationen an die CIA. Allerdings fielen drei von ihnen in chinesische Hände und wurden getötet. In den kommenden Jahren wurden etwa 2500 junge Tibeter in Saipan, Guam und Camp Hale, Colorado, ausgebildet, weitere 16.000 in Indien.
Rund um Lhasa siedelten jetzt etwa 15.000 Khampafamilien. Die chinesische Armee begann Jagd auf die Clanchefs zu machen. Der Widerstand bat die amerikanische Regierung um Hilfe. Diese wollte ein offizielles Hilfegesuch der tibetischen Regierung. Das lehnte diese aber ab, weil sie immer noch auf eine friedliche Lösung durch Verhandlungen mit den Chinesen glaubte. Im Juli 1958 warf die US-amerikanische Luftwaffe Waffen, Munition und Nahrungsmittel über Südtibet ab, aber in Osttibet warteten 50.000 Khampa vergeblich auf Nachschub. Mit US-Waffen überfiel die Chushi Gangdrug schließlich chinesische Garnisonen und Nachschubkonvois.
Anfang 1959 spitzte sich die Situation zu. Die Stimmung in Lhasa war so angespannt, dass es im März zu einem Volksaufstand kam. Aus Angst, der Dalai Lama könnte eine Einladung der Chinesen zu einer Tanzaufführung in ihrem Lager ohne Begleitung eigener Sicherheitsleute annehmen und dabei gefangen genommen werden, umstellten an die 30.000 Tibeter seinen Sommerpalast. Es wurden Barrikaden auf den Straßen errichtet, und viele Tibeter zogen ins Zentrum von Lhasa. In den folgenden Tagen öffnete der Kashag die Arsenale und verteilte Waffen an die Bevölkerung.
Am 17. März beschoss die chinesische Armee einige Gebiete der Stadt mit Granaten, von denen zwei in der Nähe des Norbulingka einschlugen. Die Armee bekam den Befehl, die Stadt zurückzuerobern. In dieser Nacht floh der Dalai Lama in Richtung indische Grenze. Mit dem Dalai Lama flohen auch der Anführer der Chushi Gangdruk Gompo Tashi Andrugtsang sowie Athar und Lotse, die die CIA ständig über die Flucht per Funk informierten. Die Guerillakämpfer hielten den Fluchtweg frei und bekämpften die sie verfolgende chinesische Armee. Die CIA erbat Asyl für den Dalai Lama und sein Gefolge in Indien, das ihm Nehru sofort bewilligte. Diese spektakuläre Flucht veranlasste die Eisenhower-Regierung, ihre verdeckten Operationen in Tibet weiter auszubauen.
Nach dem Aufruhr in Lhasa wurde die chinesische Armee um 100.000 Mann verstärkt. Die Chushi Gangdrug sammelte sich daraufhin in dem ehemaligen kleinen tibetischen Königreich Mustang im Norden Nepals, das auf drei Seiten von chinesischem Territorium umgeben ist. Die Lieferungen der Amerikaner waren anfänglich sehr spärlich, dennoch starteten die Tibeter von dort aus etliche Angriffe. Man versuchte, möglichst viele Informationen über die stationierten chinesischen Truppen zu erlangen. Bei einem der bedeutendsten Übergriffe töteten sie den Kommandeur der westtibetischen Militärregion und erbeuteten eine Reihe von Dokumenten, die unter anderem Informationen zu den Ereignissen zwischen 1959 bis 1961 und zur weiteren Truppenstationierung enthielten. Die Rebellen wurden weiter von der CIA trainiert, mit Waffen und Nahrungsmitteln versorgt und nach Lhasa zurückgeschickt, um Sabotage zu betreiben und Informationen zu sammeln. 1960 erlitt die gesamte Operation mit dem Abschuss eines amerikanischen Spionageflugzeugs durch die Sowjetunion einen Rückschlag. Nur noch wenige Flüge nach Tibet wurden durchgeführt. Die Chinesen riegelten die Grenze nach Indien so gut wie möglich ab.
Im Juni 1959 hatte der geflohene Dalai Lama in Indien eine „Tibetische Exilregierung“ gegründet. Er berief den „Tibetischen Volkskongress“ ein und erließ eine neue Verfassung. Aber kein Staat in der Welt erkannte die „Tibetische Exilregierung“ an. In den Jahren 1959, 1960, 1961 und 1965 wurde die „Tibet- Frage“ auf die Tagesordnung der UNOVollversammlung gesetzt. Dem Antrag wurde im Jahr 1961 und 1965 zugestimmt. Die USA stellte der CIA in den 60ern jährlich ca. 1,5 Millionen USDollar bereit. Im Jahr 1968 wurde der Trainingsstützpunkt in Colorado geschlossen und die Unterstützungskosten wurden auf 1,2 Millionen US-Dollar reduziert. Die finanzielle Unterstützung wurde ganz eingestellt, nachdem China und die USA unter Nixon im Jahr 1979 diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten.
Als die Chinesen 1962 indisches Territorium überschritten und einen Grenzkrieg begannen, schloss sich Neu Delhi mit Washington zusammen, um die Spionagetätigkeit der tibetischen Guerillatruppen auszubauen. Man erhielt Informationen über Militärstützpunkte, zeichnete Karten, beobachtete Truppentransporte und erkundete mögliche Landeplätze für Absprünge. Es gab erste Informationen zu Raketenstationierungen und Nuklearwaffen-Programmen der Chinesen.

Anfang 1974 forderte Peking Nepal auf, die Camps der Tibeter in Mustang zu schließen. Auch Indien wollte keine Hilfe mehr leisten. Mustang wurde für den Dalai Lama und seine Regierung zur internationalen Blamage. Jahrelang hatten sie versucht, das Bild der Gewaltlosigkeit aufrecht zu erhalten, das nun durch die Bewegung in Mustang in Gefahr zu geraten drohte. Im Juli 1974 richtete der Dalai Lama mittels einer auf Tonbandcassette aufgezeichneten Nachricht die Bitte an die Khampa, aufzugeben. Sie beschlossen, dieser Bitte nachzukommen, viele von ihnen begingen jedoch Selbstmord. Die losen Kontakte zwischen der tibetischen Regierung im Exil und der indischen Armee bestanden weiterhin. Die Armee wurde zur Zuflucht für unzählige tibetische Flüchtlinge. Sie wurden von Indien gegen Pakistan und Bangladesh eingesetzt oder in den Höhen des Himalaya entlang der chinesischen Grenze stationiert. Viele Khampakämpfer erhielten von den Amerikanern eine kleine Abfindung, mit der sie sich in Nepal Land oder Häuser kaufen und ein Geschäft aufbauen konnten. Bis heute sind sie reicher und stolzer als die übrigen tibetischen Flüchtlinge, die meist in armseligen Flüchtlingscamps untergebracht sind und von der nepalesischen Regierung nicht mal Papiere bekommen. Wenn die USA Greencards zur Verfügung stellt, werden die Khampa immer noch bevorzugt behandelt. Die Mehrheit der tibetischen Flüchtlinge geht deshalb bis heute lieber über die offene Grenze nach Indien und siedelt in der Nähe des Dalai Lama bei Dharamsala oder in einer der großen südlichen Tibeterkolonien in Indien.
Die Propagierung eines Tibet als Land des Friedens, der Harmonie und Spiritualität durch die Tibetische Regierung im Exil und die Exilgemeinde, die nach wie vor loyal zu ihr steht, führte zu einer Neuschreibung der Geschichte. Man möchte das Bild einer pazifistischen, spirituellen und naturverbundenen Nation gegenüber dem Westen aufrechterhalten, denn man ist sich bewusst, dass dies den internationalen Beziehungen im politischen Kampf nützlicher sein wird. Der mittlerweile 72-jährige Dalai Lama möchte sich langsam ganz aus der Politik zurückziehen. Um herauszufinden, was danach passiert, ließ die tibetische Regierung erst Ende 2008 eine große Nationalversammlung abhalten, auf der Tibeter aus aller Welt ihre Meinungen heftig diskutierten. Das vorläufige Ergebnis soll demnächst bekanntgegeben werden. Für viele Menschen ist es sicherlich nicht leicht zu verstehen, dass sich Buddhisten über viele Jahre auch militärisch engagierten, um den Buddhismus zu verteidigen. Als 2008 kurz vor den Olympischen Spielen in Beijing in vielen Teilen Tibets Unruhen ausbrachen fragten mich Freunde: „Gibt es militante Buddhisten in Tibet?“ Ja, sicher. Wie in jedem anderen Land der Welt haben auch die Menschen in Tibet das Recht und die Pflicht, ihr Leben gegen Angriffe zu verteidigen, egal an was sie glauben.
Chushi Gangdrug gibt es heute noch in mehreren Ländernder Welt. Und ihr Schlachtruf „Bö Rangzen!“, „Freiheit für Tibet“, wird lauter. Wenn sich der Dalai Lama aufgrund seines Alters langsam von seinem Amt zurückzieht und seine Bemühungen um eine friedliche Lösung des Tibetproblems einstellt, Beijing bei seiner starren Haltung und seiner Unterdrückungspolitik bleibt und die westlichen Staaten und Politiker sich nicht mehr für Tibet einsetzen, dann wird das tibetische Volk sich selbst helfen müssen. Die Chushi Gangdruk wird mehr Anhänger bekommen und wieder aktiv werden und der Ruf nach Unabhängigkeit wird lauter werden.
Weitere Informationen zum Thema
www.chushigangdruk.org
www.tibetswiss.com/de/chogasum/chushi_gangdrug.html
www.chushigangdruk.ca/
Thema: TIBET
Befreiung oder Besetzung?
Chinesen und Tibeter begehen ihre 50-jährigen Jubiläen
Größere Gegensätze kann es kaum geben: Die Tibeter gedenken seit 50 Jahren am 10. März der blutigen Niederschlagung des letzten Aufstandes in Lhasa gegen die gewaltsame Besetzung ihres Landes durch die VR China und der Flucht des Dalai Lama aus seiner Heimat. Die Regierung in Beijing hat jetzt den 28. März als neuen Feiertag zum Gedenken an die „friedliche Befreiung der Tibeter von der Leibeigenschaft“ eingeführt. Aber trotz härtester Repressionen ist der tibetische Widerstand gegen ihre „Befreiung“ nicht tot zu kriegen.
“Friedliche Befreiung“ klingt ziemlich zynisch, wenn man bedenkt, welches Leid die chinesischen Besatzer über Tibet gebracht haben. Die Proteste des letzten Jahres zeigen deutlich, dass es bis heute keinen Frieden in Tibet gibt. Und seit den Unruhen im letzten Jahr, die am 10. März mit einer friedlichen Demonstration in Lhasa begannen, sind die Repressionen in Tibet extrem verschärft worden. Mehr als 200 Tibeter sollen schon getötet worden sein und mehr als 1000 wurden verletzt, nicht wenige wurden gefoltert. Weitere 1000 sind spurlos verschwunden. Im eigenen Interesse einer stabilen Lage in Tibet muss die chinesische Führung sich dazu durchringen, endlich einen Kurs der Annäherung einzuschlagen und mit dem Dalai Lama und den Tibetern ehrliche Gespräche über wirkliche Autonomie des gesamten tibetischen Lebensraumes zu führen und nicht nur über die heute so genannte „Autonome Region Tibet“.

Die Tibeter haben unter Tibet immer einen Zusammenschluß der Provinzen Tsang (Westtibet) und Ü (Zentraltibet), aber auch Kham (Osttibet) und Amdo (Nordosttibet) verstanden. Dabei unterstanden Ü und Tsang weitestgehend der tibetischen Zentralregierung, Amdo geriet immer wieder unter mongolische oder chinesische Herrschaft, während Kham in den Händen lokaler Könige, Oberhäupter und Lamas war, die zum Teil im Widerstreit mit der zentraltibetischen Regierung lagen, aber dennoch respektvoll zum Dalai Lama standen.
Kham bestand aus etwa 30 Distrikten. Diese waren unterschiedlich groß und reich. Es gab Unterschiede im Dialekt, in der Kleidung oder der vornehmlichen Präsenz einzelner Schulrichtungen des tibetischen Buddhismus. Trotz dieser vielen Unterschiede fühlten sich alle Tibeter miteinander verbunden. Grundlage dafür ist der gemeinsame Glaube unter der Führung des Dalai Lama, der von allen gleichermaßen als religiöses Oberhaupt betrachtet wird. Die Khampas unterscheiden sich von den anderen Tibetern durch ihren kräftigen Körperbau und eine ausgeprägte Physiognomie. Viele lebten als kriegerische Nomaden und waren auch bei den übrigen Tibetern gefürchtet. Sie schreckten nicht davor zurück, Reisende oder Handelskarawanen zu überfallen und auszurauben, egal ob es sich um chinesische oder tibetische handelte. Die Männer und auch viele Frauen trugen Tag und Nacht Waffen bei sich.
Die Tibeter in Amdo sind reich geworden durch ihren Handel auf der ehemaligen Seidenstraße mit Chinesen und anderen Völkern. Sie nennen sich Amdowas und sie leben friedlich zusammen mit Hui-Muslimen, Mongolen, Salaren, Gologs und vielen anderen wenig bekannten Minderheiten. Sie standen häufig unter der Verwaltung verschiedener chinesischer Kriegsherren. Das gesamte tibetische Gebiet von Kham und Amdo wurde Dokham genannt. Heute haben die Chinesen Dokham aufgeteilt und den chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yünnan angeschlossen, während Westund Zentraltibet als autonome Region Tibet bezeichnet wird.
Alle Tibeter haben als Gemeinsamkeit eine Kultur, eine Religion, eine Sprache und Schrift und einen Dalai Lama. Und das alles unterscheidet sie deutlich von den Chinesen. Da nutzt es nichts, dass die chinesische Regierung immer wieder fälschlich behauptet, Tibet sei schon immer ein Teil Chinas gewesen. Als vor 50 Jahren die Volksbefreiungsarmee Tibet besetzte, gab es eine eigene tibetische Währung, tibetische Briefmarken. Tibetische Beamte, die ins Ausland reisten, bekamen dafür eigene tibetische Pässe. Das alles zeigt, wie unabhängig Tibet von China war. Die „friedliche Befreiung“ hat schätzungsweise 1,5 Millionen Tibetern das Leben gekostet. Bis 1959 sind etwa 150.000 Tibeter aus ihrer Heimat geflohen und, seit China die Grenzen vor 50 Jahren geschlossen hat, kommen durchschnittlich 3.000 Tibeter jedes Jahr unter Lebensgefahr über den Himalaya nach Nepal und Indien, weil sie sich nicht an die chinesische „Befreiung“ gewöhnen können.
Viele Tibeter sind völlig verzweifelt, weil ihre kulturelle und religiöse Identität systematisch von den Chinesen unterdrückt wird. In vielen Orten in Tibet sind Klöster und Schulen wieder geschlossen worden, besonders privat gegründete Schulen, die mehr Freiheit hatten, tibetische Sprache und Schrift zu lehren. Eltern schikken immer noch ihre Kinder auf einen lebensgefährlichen Fußmarsch über den Himalaya, damit sie in Nepal oder Indien tibetisch erzogen werden können. Auf der Flucht vor den chinesischen Unterdrückern müssen sie nicht nur hungern und frieren, manche sterben einfach von den Strapazen beim Überqueren der schneebedeckten 6000 m hohen Himalayapässe, verlieren Finger oder Zehen durch Erfrierungen oder müssen damit rechnen, von chinesischen Grenzsoldaten einfach erschossen zu werden, wie es erst vor nicht allzu langer Zeit von einem westlichen Bergsteiger mit der Videokamera dokumentiert wurde. Beim Überqueren des Nangpa-Passes wurde auf wehrlose Kinder und jugendliche Nonnen ohne Warnung geschossen. Mehrere kamen durch Kugeln in den Rücken zu Tode. Der Rest wurde eingefangen und nach Tibet zurücktransportiert. Was mit ihnen geschieht, mag man sich gar nicht vorstellen. Wenn es einige schaffen nepalesischen Boden zu betreten, müssen sie trotzdem damit rechnen, von der nepalesischen Armee oder Polizei gefangen genommen und an China ausgeliefert zu werden. Seit die Maoisten den größten Teil der nepalesischen Regierung stellen, ist die Situation für die Tibeter noch schlimmer geworden.
In allen Gebieten mit überwiegend tibetischer Bevölkerung herrscht heute quasi Kriegsrecht. Eine Menge chinesischer Polizei und Militär patrolliert durch die Straßen, ausländischen Touristen, besonders Journalisten, ist es mindestens bis April nicht erlaubt, in die autonome Region Tibet oder nach Sichuan oder Yünnan einzureisen. Die Straßen in Lhasa leeren sich. Chinesische Touristen bleiben weg, weil sie Ausschreitungen wie vor einem Jahr befürchten, Geschäftsinhaber und chinesische Hoteliers und Restaurantbesitzer einschließlich des Personals verlassen die Stadt, weil kein Umsatz mehr zu machen ist. Und Tibeter sieht man auch nicht mehr auf der Straße, seit das Jahr des Erd-Ochsen 2136 nach tibetischer Zeitrechnung angebrochen ist. Am Aschermittwoch, dem 25. 02. 2009, war Losar, das tibetische Neujahr, das für alle Tibeter das wichtigste Fest im ganzen Jahr ist. Normalerweise wird tagelang gefeiert, gegessen und getrunken. Religiöse Zeremonien finden statt, befreundete Familien besuchen sich und man macht sich gegenseitig Geschenke.
In diesem Jahr hatte der Dalai Lama seine Landsleute gebeten, von allen Feierlichkeiten abzusehen, zuhause zu bleiben und in aller Stille der vielen Toten des vergangenen Jahres zu gedenken. Als die chinesischen Behörden davon erfuhren, verteilten sie Feuerwerkskörper und ordneten an, sie zum Neujahr zu zünden. Was passierte? Eine handvoll Feuerwerkskörper explodierte vor dem chinesischen Polizeigebäude, sonst blieb alles still.
Jetzt hat der Dalai Lama auch darum gebeten, am 10. März nicht den 50. Jahrestag der chinesischen Besetzung zum Anlaß zu nehmen, auf die Straße zu gehen und mit friedlichen Protesten die chinesischen Machthaber zu reizen, Gewalt anzuwenden. Trotzdem besteht die Gefahr, dass bei der spannungsgeladenen Atmosphäre Tibeter und Chinesen aneinandergeraten. Denn auch nach 50 Jahren haben die Tibeter nicht ihre Identität und ihren Stolz aufgegeben. Der Unterschied zwischen den beiden Völkern ist einfach zu groß, als dass man in einer Generation den Menschen alles Tibetische austreiben könnte.
Die chinesischen Behörden provozieren den Hass der Tibeter, weil sie gegen jede religiöse, nationalistische oder Dalai Lama-freundliche Äußerung mit äußerster Brutalität reagieren. Mönche und besonders Nonnen werden fast regelmäßig nach der Inhaftierung gefoltert, um Geständnisse zu erzwingen. Das beinhaltet den Gebrauch von Hunden, von glühenden Zigaretten, das Entkleiden der Gefangenen und den Gebrauch elektrischer Stäbe am oder im Genitalbereich. Bis zum Äußersten gedemütigt und durch Entzug von Wasser, Nahrung und Licht auch körperlich dem Tode nahe, gestehen die Tibeter dann die Verbreitung „konterrevolutionären“ Materials, die „Einheit“ Chinas zu bedrohen, Flugblätter zu drucken, subversive Organisationen zu bilden, zu spionieren oder Informationen an den Feind weiterzugeben, im Gespräch mit Ausländern die Partei zu kritisieren, zu reaktionären Liedern anzustacheln, die tibetische Flagge zu hissen und zu demonstrieren. Auf das „Geständnis“ folgt ohne Gerichtsverfahren oft gleich die Hinrichtung. Und mit dem Henker kommt schon der Chirurg. Die Verurteilten werden oft nur angeschossen, damit man ihnen die frischen Organe für Transplantationen entnehmen kann. Kein Land außer China, das damit zu einer der dunkelsten Ecken der Menschheit geworden ist, kann ohne Kontrollen so viele frische Organe für Transplantationen zur Verfügung stellen.
Seit 1988, als der Dalai Lama vor dem Europäischen Parlament in Straßbourg und auch vor dem U.S. Kongress der chinesischen Regierung einen 5-Punkte- Vorschlag machte für ein friedliches Zusammenleben von beiden Völkern innerhalb des Chinesischen Staates, aber mit einer echten Autonomie für Tibet, versucht er einen sinnvollen Dialog mit der Volksrepublik zu führen. Die 5 Punkte beinhalteten unter dem Mandat der UNO:
- Ganz Tibet in eine Friedenszone zu verwandeln
- Die Ansiedlung weiterer Chinesen zu stoppen, weil es die Tibeter zu einer Minderheit im eigenen Land macht
- Respekt vor den fundamentalen Menschenrechten und den demokratischen Freiheiten der Tibeter
- Tibet als ökologisches Schutzgebiet und Naturschutzreservat als Welterbe unter den Schutz der Unesco zu stellen und Tibet nicht mehr zur Produktion von Atomwaffen und zur Lagerung von Nuklearabfällen zu nutzen
- Ernsthafte und konstruktive Verhandlungen zwischen Chinesen und Tibetern über den zukünftigen Status von Tibet zu führen.
Dazu hatte der weise, alte Mann Chinas, Deng Xiao Ping damals gesagt, außer der Selbständigkeit Tibets könne man über alles verhandeln. Leider haben seine Nachfolger sich bisher von jedem ernsthaften Dialog ferngehalten. Stattdessen beschimpfen sie den Dalai Lama als Separatisten, Terroristen, doppelzüngige Schlange und Wolf im Schafspelz. Das schafft keine Vertrauensbasis zum friedlichen Zusammenleben. Der Dalai Lama sucht seit geraumer Zeit Unterstützung bei Regierungen in aller Welt, um die KP Chinas an den Verhandlungstisch zu bringen. Die aber versucht, Politiker einzuschüchtern und besteht auf deren „Nichteinmischung in innere Angelegenheiten“. Sie versteht nicht, dass sie im Dalai Lama einen gutmütigen und zuverlässigen Verhandlungspartner hat, solange er noch lebt. Unter den Tibetern macht sich immer mehr Verdruß breit darüber, dass seine friedliche Politik seit 50 Jahren erfolglos ist. Nur aus Respekt vor dem Dalai Lama hält sich der gut organisierte Widerstand gegen China zurück. Was passiert, wenn der Dalai Lama stirbt, kann man sich schon heute gut ausmalen. Über den tibetischen Widerstand wird draußen! in einer späteren Ausgabe berichten.
Thema: TIBET
Flucht aus Tibet
Tamding ist ein kleiner, freundlicher Mann mit Augen, die immer ein wenig zu schmunzeln scheinen. Wie ein Widerstandskämpfer sieht er wirklich nicht aus. Und trotzdem ist er einer, zumindest für die chinesische Polizei, die ihn deshalb ins Gefängnis geworfen hat. Aber eigentlich hat Tamding nur ein Verbrechen begangen: Er ist Tibeter und hat gegen die chinesische Besetzung seines Landes demonstriert. Friedlich. Die deutschen Behörden glauben ihm seine Geschichte nicht und wollen Tamding abschieben.
Pukta ist ein kleines Dorf in den Bergen Tibets. Ein paar ärmliche Hütten, ein paar Nomadenzelte, mehr gibt es in Pukta nicht zu sehen. Im Dezember 2000 besucht eine Delegation chinesischer Beamter das Dorf und trommelt die Bewohner zusammen. Die Kommunisten haben etwas wichtiges mitzuteilen. „Tibet war schon immer ein Teil Chinas“, sagt der Chef der Abordnung. „Der Dalai Lama ist ein Separatist und hat seit seiner Flucht nichts mehr für Tibet getan. Die kommunistische Partei hat euch Wohlstand gebracht, Religion jedoch verhindert den Fortschritt.“
Die Bewohner hören gelangweilt zu, da erhebt sich in der kleinen Menge eine Stimme: „Freiheit für Tibet. Es lebe der Dalai Lama!“ Der kleine, freundliche Tamding hat das gerufen. Die Beamten schauen sich erstaunt an, dann nehmen sie Tamding fest, binden seine Arme auf dem Rücken zusammen und stecken ihn in die Hütte, die als Gemeindehaus dient. Dann müssen sie weiter. Am nächsten Morgen wollen sie zurückkommen und ihn zum Verhör in die Bezirkshauptstadt Saga Dzong mitnehmen. Tamding weiß, was das bedeutet: „Mit 19 war ich schon mal drei Monate im Gefängnis wegen einer politischen Demonstration“, erzählt er. „Während der Verhöre wurde ich geschlagen.“ Seitdem hört er auf einem Ohr schlecht. „Sie haben mich auch gezwungen meine Mithäftlinge zu schlagen“, erinnert sich Tamding. Als Wiederholungstäter erwartet ihn nun eine härtere Strafe.
Doch Tamding hat Glück im Unglück: Sein Onkel, der Dorfvorsteher, veranlasst, dass man ihm die Handfesseln abnimmt. Als es dunkel wird, flieht Tamding durch das kleine Fenster des provisorischen Dorfgefängnisses. Zu Fuß macht er sich auf den Weg durch die hohen Berge des Himalaya nach Nepal. Ein gefährliches Unterfangen, denn es ist Winter. Aber Tamding ist zäh und nach acht Tagen erreicht er Nepal. Ohne Papiere schlüpft er illegal über die Grenze. Er trifft andere Flüchtlinge aus Tibet, die ihm helfen in die Hauptstadt Kathmandu zu kommen, wo die tibetische Exilregierung ihn in Empfang nimmt. Zwei Jahre bleibt er dort, man gibt ihm Essen und hin und wieder kann er sich in einer Klosterküche ein wenig Taschengeld verdienen. Doch dann schließt Nepal plötzlich das Büro des Dalai Lama auf chinesischen Druck hin.
„Seitdem bekommen Tibeter keine Aufenthaltsgenehmigung mehr“, sagt Tamding. Er verkauft den Familienschmuck, den er aus Pukta mitgenommen hat. Von dem Geld bezahlt er im März 2003 einen Schlepper, der ihn für umgerechnet 10.000 Euro über Delhi nach Deutschland bringt. Er besorgt Tamding einen Pass, bringt ihn durch den Zoll und setzt ihn dann in einen Zug nach Koblenz. Ein paar Euro bekommt er auch noch und einen kleinen Zettel mit einer Adresse. Tamding war außer in Nepal noch nie im Ausland, ist das erste Mal in seinem Leben mit dem Flugzeug geflogen, ja, er hat sogar noch niemals in einem Zug gesessen und natürlich spricht er auch kein Wort Deutsch.
Auf dem Zettel steht die Adresse der Ausländerpolizei in Koblenz. Dort nimmt man seine Personalien auf und macht Fingerabdrücke. Dann gibt man ihm ein Bahnticket nach Trier, wo er sich in einem Flüchtlingsheim melden soll. Dort ist er der einzige aus Tibet und die Behörden schicken ihn 14 Tage später nach Hemer bei Iserlohn. Dort verbringt er zwei Monate in einem Übergangslager.
Schließlich muss er nach Bielefeld zur Anhörung. Tamding hat um politisches Asyl gebeten. Die Beamten fragen ihn nach seinem Personalausweis. Den hat er aber in China vergessen. Führerschein? Wehrpass? Geburtsurkunde? Irgendetwas, das seine Identität beweist. Für Tamding sind das alles Böhmische Dörfer, er weiß ja noch nicht einmal sein genaues Geburtsdatum. Er ist Nomade, seine Familie zieht mit ihren Pferden, Yaks und Schafen von Weide zu Weide. In Pukta tauschen sie ihre Produkte gegen Salz, Gerste und Reis. „Nur meine Mutter, meine Frau und meine vier Kinder leben mehrere Monate im Jahr in einem Zeltlager bei Pukta“, erzählt Tamding. Zweimal im Jahr kamen sie vorbei und halfen ihm das Nomadenlager zu wechseln. „Wir müssen dann die Zelte abbauen, alles verpacken und auf Yaks laden. Das ist viel Arbeit.“ Wenn Frau und Kinder wieder zurückkehren nach Pukta, nehmen sie alles mit, was sie dort tauschen können.
Bei der Anhörung in Bielefeld fragt man ihn nach dem Grund seiner Flucht, will genau die Umstände wissen. Wie ist er nach Deutschland gekommen? Tamding gibt bereitwillig Auskunft, schließlich hat er nichts zu verbergen. Alles ist wirklich so passiert, beteuert er. Man schickt ihn nach Appelhülsen. Wenig später bekommt er ein offizielles Schreiben: Asylantrag abgelehnt. „Die Flucht aus einem chinesischen Gefängnis ist derart realitätsfern“, steht da, „dass auf die Erörterung näherer Einzelheiten verzichtet wird. Der Antragsteller konnte auch keinerlei plausible Erklärung abgeben, woher sein Onkel bzw. seine Mutter derart kurzfristig von seiner Verhaftung erfahren haben sollten.“ Außerdem: Warum sollte sich ein Gefängniswärter der Gefahr aussetzen, der Beihilfe zur Flucht angeklagt zu werden?
Wer aus einem chinesischen Gefängnis fliehen kann, bekommt also kein Asyl in der Bundesrepublik, weil er lügt. Eine tiefe Verbeugung der deutschen Behörden vor den chinesischen Sicherheitskräften. Mit einer solchen Begründung wären alle Aufschneider, die behaupten den Todesstreifen an der DDR-Grenze unbeschadet überquert zu haben, der sichersten der Welt. Aber trotz Minen, Stacheldraht und Schießbefehl – es gibt welche, denen die Flucht gelungen ist.
Tamding hatte es einfacher. Er saß nicht in einem der chinesischen Hochsicherheitstrakte, die Polizei hatte ihn in das Dorfgefängnis in Pukta gesteckt. Eine kleine Hütte, die manchmal als Lager für Lebensmittel dient, dann wieder als Ausnüchterungszelle für Betrunkene. Ein Provisorium. Gerade deshalb wollte man ihn am nächsten Morgen in ein richtiges Gefängnis bringen. Nur in Pukta konnte er durchs Fenster fliehen, ohne den Gefängniswärter damit in allzu große Schwierigkeiten zu bringen. Und woher sein Onkel von der Verhaftung wusste? Nun, er war als Dorfvorsteher natürlich auch auf der Versammlung und hörte der Rede der chinesischen Beamten zu. Er hatte gehört, wie Tamding „Freiheit für Tibet!“ rief und sah, wie er abgeführt wurde.
Tamding hat gegen den Abschiebebefehl Widerspruch eingelegt und wartet nun auf die zweite Anhörung am 21. September in Arnsberg. Vielleicht trifft er da auf Richter, die mehr über China wissen als ihre Kollegen in Bielefeld. Sollten sie Tamdings Widerspruch ablehnen, muss er zurück nach China. Dort wartet die politische Polizei schon auf ihn und wird ihn in ein richtiges Gefängnis stecken. Eine hoffnungslose Aussicht, denn Tamding hat es ja inzwischen sozusagen schriftlich – aus einem chinesischen Gefängnis gibt es kein Entkommen.